DUINESER ELEGIEN - 10 DUINO ELEGIES - 10
Rainer Maria Rilke trans. Brian Cole


Dass ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
Dass von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens
keiner versage an weichen, zweifelnden oder
reissenden Saiten. Dass mich mein strömendes Antlitz
glänzender mache: dass das unscheinbare Weinen
blühe. O wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,
gehärmte. Dass ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern,
hinnahm, nicht in euer gelöstes
Haar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen.
Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer,
ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind ja
unser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün,
eine der Zeiten des heimlichen Jahres -, nicht nur
Zeit -, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort.

Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid-Stadt,
wo in der falschen, aus Übertönung gemachten
Stille, stark, aus der Gussform des Leeren der Ausguss,
prahlt der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.
O, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt,
den die Kirche begrenzt, ihre fertig gekaufte:
reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag.
Draussen aber kräuseln sich immer die Ränder von Jahrmarkt.
Schaukeln der Freiheit! Taucher und Gaukler des Eifers!
Und des behübschten Glücks figürliche Schiessstatt,
wo es zappelt von Ziel und sich blechern benimmt,
wenn ein Geschickterer trifft. Von Beifall zu Zufall
taumelt er weiter; denn Buden jeglicher Neugier
werben, trommeln und plärrn. Für Erwachsene aber
ist noch besonders zu sehn, wie das Geld sich vermehrt,
anatomisch,
nicht zur Belustigung nur: der Geschlechtsteil des Gelds,
alles, das Ganze, der Vorgang -, das unterrichtet und macht
fruchtbar ...
...................... Oh aber gleich darüber hinaus,
hinter der letzten Planke, beklebt mit Plakaten des "Todlos",
jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süss scheint,
wenn sie immer dazu frische Zerstreuungen kaun ...
gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists wirklich.
Kinder spielen, und Liebende halten einander abseits,
ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.
Weiter noch zieht es den Jüngling; vielleicht, dass er eine junge
Klage liebt ... Hinter ihr her kommt er in Wiesen. Sie sagt:
Weit. Wir wohnen dort draussen ...
....................................................Wo? Und der Jüngling
folgt. Ihn rührt ihre Haltung. Die Schulter, der Hals, vielleicht
ist sie von herrlicher Herkunft. Aber er lässt sie, kehrt um,
wendet sich, winkt ... Was solls? Sie ist eine Klage.

Nur die jungen Toten, im ersten Zustand
zeitlosen Gleichmuts, dem der Entwöhnung,
folgen ihr liebend. Mädchen
wartet sie ab und befreundet sie. Zeigt ihnen leise,
was sie an sich hat. Perlen des Leids und die feinen
Schleier der Duldung. - Mit Jünglingen geht sie
schweigend.

Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der Älteren eine, der Klagen,

nimmt sich des Jünglings an, wenn er fragt: - Wir waren,
sagt sie, ein grosses Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die Väter
trieben den Bergbau dort in dem grossen Gebirg; bei Menschen
findest du manchmal ein Stück geschliffenes Urleid
oder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn.
Ja, der stammte von dort. Einst waren wir reich. -

Und sie leitet ihn leicht durch die weite Landschaft der Klagen,

zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer
jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land
einstens weise beherrscht. Zeigt ihm die hohen
Tränenbäume und Felder blühender Wehmut,
(Lebendige kennen sie nur als sanftes Blattwerk);
zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, - und manchmal
schreckt ein Vogel und zieht, flach ihnen fliegend durchs
Aufschaun,
weithin das schriftliche Bild seines vereinsamten Schreis. -
Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Alten
aus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn.
Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald
mondets empor, das über alles
wachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil,
der erhabene Sphinx -: der verschwiegenen Kammer
Antlitz.
Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer,
schweigend, der Menschen Gesicht
auf die Waage der Sterne gelegt.

Nicht erfasst es sein Blick, im Frühtod
schwindelnd. Aber ihr Schaun,
hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die Eule. Und sie,
streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang,
jene der reifesten Rundung,
zeichnet weich in das neue
Totengehör, über ein doppelt
aufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriss.

Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.
Langsam nennt sie die Klage: "Hier,
siehe: den 'Reiter', den 'Stab', und das vollere Sternbild
nennen sie: 'Fruchtkranz'. Dann, weiter, dem Pol zu:
'Wiege', 'Weg', 'das brennende Buch', 'Puppe', 'Fenster'.
Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern
einer gesegneten Hand, das klar erglänzende 'M',
das die Mütter bedeutet ..."

Doch der Tote muss fort, und schweigend bringt ihn die ältere
Klage bis an die Talschlucht,
wo es schimmert im Mondschein:
die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
nennt sie sie, sagt: "Bei den Menschen
ist sie ein tragender Strom."

Stehn am Fuss des Gebirgs.
Und da umarmt sie ihn, weinend.
Einsam steigt er dahin, in die Berge des Urleids.
Und nicht einmal sein Schritt klingt aus dem tonlosen Los.

*

Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis,
siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren
Hasel, die hängenden, oder
meinten den Regen, der fällt auf dunkles Erdreich im Frühjahr. -

Und wir, die an steigendes Glück
denken, empfänden die Rührung,
die uns beinah bestürzt,
wenn ein Glückliches fällt.


Let me now, as I emerge from that terrible insight,
rejoice and sing praise to the choir of supporting angels.
Let none desert the clear-struck hammers of the heart
in favour of soft, uncertain or breaking strings.
May my streaming cheeks make my face
shine brighter: let my secret weeping blossom.
O nights, how dear you then will be to me
in my grief. Would that I had on my knees accepted you,
inconsolable sisters, and surrendered myself more freely
in your free-flowing hair. We, squanderers of pain.
How do we see it progress, through our painful suffering -
will it perhaps end one day. However it is
our undying winter foliage, our dark evergreen,
one of the seasons of our internal year -
not only time, but place, settlement, camp and home.

But then, how strange are the lanes in the city of pain,
where in the false quiet of drowned-out sounds
from the overflow of the mould of emptiness
struts the gilded sound, the exploding monument.
O how completely an angel would stamp out the market
of consolation that the church bought ready-made:
clean and closed and unsatisfying like a post-office on Sunday.
But outside ripple still the edges of the fairground.
Swings of freedom! Ranting stirrers of excitement!
And the prettified seductive charms of the shooting range
where the shot is off and leadenly misses the target,
while the better man succeeds. From applause to chance
he staggers on, while stalls for every whim
tout for custom, trumpet and blare. But for grown-ups
it is fascinating how money multiplies, anatomically,

not just for pleasure - the sexual organs of money,
everything, the whole process is instructive
and bears fruit ...
............................. Ah but also then
behind the last board, bearing a poster for the "Deathless",
that bitter beer that seems sweet to the drinkers,
if while they are drinking they chew something tasty ...
just behind the board, that's where it is.
Children are playing, lovers embrace over there,
with passion, on the thin grass, and dogs give in to Nature.
The youth is drawn further in - perhaps he loves
a young Complaint ... He follows her into the meadows.
She says: Far away - we live out there ...
............................................................Where?
And the youth follows, touched by her demeanour - the shoulder,
the neck, perhaps she is of noble blood. But he leaves her,
turns, waves ... So what? She is a Complaint.

Only those who died young, in the first stage
of timeless indifference, that of breaking the habit,
follow her with love. Girls
she waits for and befriends - and gently shows them
what she is wearing. Pearls of pain and the delicate
veil of patience. - With young men she walks
in silence.

But there where they live, in the valley, one of the older
Complaints
looks after the youth. When he asks: We were - she says -
a great race once, we Complaints. Our fathers
worked the mines over there in the mighty mountains.
In men you may find a piece of polished original grief
or, from an old volcano, a clinker of stony anger.
Yes, that's where he came from. Once we were rich. -

And she leads him easily through the wide landscape of
Complaints,
shows him the pillars of the temple or the remains
of those strongholds where the Complaint-Princes once
wisely ruled the land. She shows him the lofty
tear-trees and fields of blooming pain and sadness.
(They know the living only as soft foliage.)
She shows him the beasts of mourning, grazing - and sometimes
a bird is startled and flies low across their gaze,

writing afar the script of his lonely cry. -
In the evening she takes him to the graves
of the ancestors of the race of Complaints, the Sibyls
and Prophets. But when night falls they move more softly,
and soon there rises the Monument
that keeps watch over all. A brother to that on the Nile,
the sublime Sphinx - the face of the secret chamber's
face.
And they are astonished by the regal head that, eternally
silent, places the face of mankind
on the scales of the stars.

His gaze cannot grasp it, dizzy
in early death. But her gaze round
the edge of the Pharaohs' Crown startles the owl. And she,
stroking a slow sweep along the cheek,
the one with the fullest curve,
softly draws on the hearing
of the newly dead, over a double
page, the indescribable contours.

And higher, the stars. New. The stars of the Land of Sorrow.
Slowly she names the Complaints: "Here
you see the 'Horseman', the 'Staff', and the fuller constellation
they call the 'Fruit Garland'. Then, further, towards the Pole:
'Cradle', 'Path', the 'Burning Book', 'Doll', 'Window'.
But in the southern sky, clear as if on the palm
of a blessèd hand, the brightly shining 'M',
that stands for the Mothers ..."

But the dead man must go, and the older Complaint leads him
in silence to the valley gorge
where shimmers in the moonlight
the Spring of Joy. With awe
she names it, and says: "Among men
this is a carrying stream."

They stand at the foot of the mountain.
And then she embraces him, weeping.
Alone he climbs up into the mountains of Original Suffering.
And not even his footsteps are heard in that soundless Fate.

*

But they awoke in us, the infinitely dead, a comparison -
see, they pointed perhaps to the catkins on the barren
hazel hanging down there, or
they meant the rain that falls on the dark Earth in Spring.

And we who think of rising
good fortune, should feel the emotion
that almost overcomes us
when a happy thing falls.

Trans. copyright © Brian Cole 2006

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