| NATHAN DER WEISE - III.5/6 | NATHAN THE WISE - III.5/6 |
| Gotthold Ephraim Lessing | tr. W.D.Jackson |
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Saladin und Nathan SALADIN Tritt näher, Jude! - Näher! - Nur ganz her! - Nur ohne Furcht! NATHAN ...........................Die bleibe deinem Feinde! SALADIN Du nennst Dich Nathan? NATHAN .....................................Ja. SALADIN ..........................................Den weisen Nathan? NATHAN Nein. SALADIN .........Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk. NATHAN Kann sein; das Volk! SALADIN ...............................Du glaubst doch nicht, dass ich Verächtlich von des Volkes Stimme denke? - Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen, Den es den Weisen nennt. NATHAN .......................................Und wenn es ihn Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der, Der sich auf seinen Vorteil gut versteht. SALADIN Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch? NATHAN Dann freilich wär' der Eigennützigste Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise Nur eins. SALADIN .............Ich höre dich erweisen, was Du widersprechen willst. - Den Menschen wahre Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du. Hast du zu kennen wenigstens gesucht; Hast drüber nachgedacht: das auch allein Macht schon den Weisen. NATHAN ......................................Der sich jeder dünkt Zu sein. SALADIN ............Nun der Bescheidenheit genug! Denn sie nur immerdar zu hören, wo Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. (Er springt auf.) Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber Aufrichtig, Jud', aufrichtig! NATHAN Will sicherlich dich so bedienen, dass Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe. SALADIN Bedienen? wie? NATHAN ........................Du sollst das Beste haben Von allem; sollst es um den billigsten Preis haben. SALADIN ...................Wovon sprichst du? doch wohl nicht Von deinen Waren? - Schachern wird mit dir Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!) - Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun. NATHAN So wirst du ohne Zwifel wissen wollen, Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, Der allerdings sich wieder reget, etwa Bemerkt, getroffen? - Wenn ich unverholen ... SALADIN Auch darauf bin ich eben nicht mit dir Gesteuert. Davon weiss ich schon, so viel Ich nötig habe. - Kurz: - NATHAN .....................................Gebiete, Sultan. SALADIN Ich heische deinen Unterricht in ganz Was anderm; ganz was anderm. - Da du nun So weise bist: so sage mir doch einmal - Was für ein Glaube, was für ein Gesetz Hat dir am meisten eingeleuchtet? NATHAN ..................................................Sultan, Ich bin ein Jud'. SALADIN .......................Und ich ein Muselmann. Der Christ ist zwischen uns. - Von diesen drei Religionen kann doch eine nur Die wahre sein. - Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. Wohlan! so teile deine Einsicht mir Dann mit. Lass mich die Gründe hören, denen Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gründe Bestimmt, - versteht sich, im Vertrauen - wissen, Damit ich sie zu meiner mache. Wie? Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? - Kann Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin, Der eine solche Grille hat; die mich Doch eines Sultans eben nicht so ganz Unwürdig dünkt. - Nicht wahr? - So rede doch! Sprich! - Oder willst du einen Augenblick, Dich zu bedenken? Gut, ich geb' ihn dir. - (Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; Will hören, ob ich's recht gemacht. - ) Denk' nach. Geschwind denk' nach! Ich säume nicht, zurück Zu kommen. (Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben) (Dritter Aufzug, sechster Auftritt) NATHAN(allein) Hm! hm! - wunderlich! - Wie ist Mir denn? - Was will der Sultan? was? - Ich bin Auf Geld gefasst; und er will - Wahrheit. Wahrheit! Und will sie so, - so bar, so blank, - als ob Die Wahrheit Münze wäre! - ja, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward! - Das ginge noch! Allein so neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht! Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude? Ich oder er? - Doch wie? Sollt' er auch wohl Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? - Zwar, Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein! - Zu klein? - Was ist für einen Grossen denn Zu klein? - Gewiss, gewiss: er stürzte mit Der Tür so ins Haus! Man pocht doch, hört Doch erst, wenn man als Freund sich naht. - Ich muss Behutsam gehn! - Und wie? wie das? - So ganz Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. - Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen, Warum kein Muselmann? - Das war's! Das kann Mich retten! - Nicht die Kinder bloss, speist man Mit Märchen ab. - Er kömmt. Er komme nur! ............ ............ |
Saladin and Nathan SALADIN Come closer, Jew, come closer. Closer still. Have no fear. NATHAN ....................May your enemies fear you. SALADIN Your name is Nathan? NATHAN ..................................Yes. SALADIN .............................. ..........Nathan the Wise? NATHAN No. SALADIN ......No, indeed. And yet they call you "wise". NATHAN Perhaps. The people. SALADIN ................................Do not imagine I treat what the people say with contempt. For a long time I've wanted to meet the man They call "the Wise". NATHAN ...............................And what if they Call him "the Wise" from spite? Or "wise" Means only clever? And "clever" means He knows what's good for him - and how To get it? SALADIN ...............Truly good, you mean? NATHAN Then, clearly, the man with most self-interest Is cleverest. And, clearly, clever and wise Are one. SALADIN ............A position - equally clearly - which You mean to abandon. What's truly best The people hardly know. But you Know it. Or seek to know it. Or Have thought about it. That alone Makes a man wise. NATHAN ............................Which each presumes Himself to be. SALADIN .....................Enough of this modesty. Nothing but modesty where one expects Plain common sense is nauseous. Let's Get down to business. But Be honest, Jew. Be honest. NATHAN Sultan, I hope to serve you now so well As to ensure your future custom. SALADIN Serve me? How? NATHAN .........................The best of all Is yours - and at the cheapest Prices. SALADIN ..........The best? Of what? Not, surely, Your goods? My sister, Jew, will haggle Over your prices. I am not A merchant among merchants. NATHAN .............................................Then Doubtless you'd like to know if I Noticed - or even met - the enemy, Who's on the move again, they say, While travelling? - When out in the open, I ... SALADIN That's also not the reason I asked you here. I know enough About all that. In short, ... NATHAN ......................................Sultan? SALADIN I'd like to hear your teaching on Other, quite different questions. Since You possess such wisdom, tell me Which of the faiths, which of the laws, Has brought you most enlightenment? NATHAN ........................................................Sultan, I am a Jew. SALADIN ..................And I a Moslem. The Christian comes between us. Three Religions. But only one of them True. A man like yourself will hardly Stay where the accident of birth Threw him. Or, if he does, he stays For reasons, choosing what's better With insight. Well now, tell me which reasons - Which insights - you have, of the sort which I Have lacked the time to meditate Upon. Tell me which choice you've made, Determined by these reasons, so That I - in confidence, of course - Might make it mine. You hesitate? You weigh me with your eyes. It may Well be that I'm the first, as Sultan, To have such foolish notions, which As a matter of fact seem not unworthy Of a Sultan, don't you think? Then speak, Tell me! Or would you like a moment For thought? Good! I grant it. Think then, Think quickly. In a moment I'll return. (He goes into the next room, after Sittah.) (Act III, Scene 6) NATHAN (alone) Strange, strange. Now what am I To make of this? What does the Sultan Want? I anticipated money. But Truth? And truth in cash - a blank cheque - as if The truth were coins! Well, ancient coins Perhaps, weighed in the balance. Only Our modern coins, made valid By nothing but a stamp, for counting On counters, tell no truth. Are men To pocket truth in their minds Like cash in sacks? Now who's more Jew, I or he? But wait. What if the Sultan In truth is not demanding truth? And yet The chance that he might make a trap Of truth is small - too small. Too small? For one as great as he Nothing's too small. Yes, yes. He blurted It out too quickly. One chooses one's words, One listens, when approaching another in friendship. I must take care. But how? To be Utterly Jew won't help. And to be No Jew at all still less. Because If not a Jew, he might well ask, Why not a Moslem? Wait! Now that Might save me. Stories are food for more Than children. Here he comes. Well, let him. ............ ............ |
Trans. Copyright © W.D.Jackson 2005; publ. Menard Press